- Er versuchte, die
Wirkung von Klang innerhalb von Materie
aufzuzeigen. Sein Lebenswerk bestand darin, zu
demonstrieren, was in der Materie geschieht, wenn
diese auf verschiedenste Weise beschallt wird,
und er benutzte alle Arten von Substanzen. Er
benutzte Flüssigkeiten, Pasten und fein
vermahlenen Puder und setzte diese verschiedenen
Klängen aus. Ich sah die Bilder, die auf Grund
dieser Experimente entstanden. Ich sah die
angehäufte, formlose Materie, die bei Kontakt
mit Klang die präzisen und auserlesenen Muster
bildete, die in der Natur anzutreffen sind. Und
je länger der Klang aufrechterhalten wurde desto
unterschiedlicher wurden die Muster. Dies war
außerordentlich bedeutsam.Wenn Klang in der Lage
ist, Formen und Muster in die Materie
einzuführen, dannhat es mit Klang etwas sehr
Wichtiges auf sich. Dies war der Auslöser für
meine Forschung. Ich verschaffte mir Einblick in
all die traditionelle Literatur, in der von der
kreativen Kraft des Klanges die Rede war. Mir
wurde klar, daß viele Traditionen dieses Thema
gemeinsam haben und Klang als eine große Kraft
im Universum betrachten.
Schöpfung
durch Klang
Als ich
begann, mir diese Traditionen näher zu
betrachten, entdeckte ich, daß sogar unter
relativ weit voneinander entfernten Völkern die
Vorstellung besteht, daß die Welt an sich durch
Klang entstand und auch weiterhin durch Klang
entsteht, anders gesagt, daß das Entstehen ein
sonores Ereignis ist. Dies läßt sich in der
östlichen wie in der westlichen Welt
feststellen. Man kann sich dies als metaphorische
Beschreibung eines vibrierenden Universums
vorstellen. Das bedeutet, daß der Mensch von
jeher wußte, daß alles in der Welt seine
Identität aus einer regelmäßig wiederkehrenden
Bewegung erhält, und dies ist es, was die Dinge
voneinander unterscheidet, ihnen Form verleiht.
Im Johannes-Evangelium heißt es: "Am Anfang
war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott
war das Wort". Beinahe identische Aussagen
finden sich in der hinduistischen Tradition; der
Anfang besteht also nicht nur aus Klang, sondern
aus Sprache. In diesen Traditionen läßt sich
feststellen, daß der Anfang nicht nur durch
Klang und Wort entsteht, sondern durch die
Zuordnung von Namen - wie z.B. in der Bibel, als
Adam alles benennt. Wenn man etwas mit einem
Namen versieht, hat es eine separate Identität,
da es diesen und keinen anderen Namen besitzt,
was bedeutet, daß es sich um etwas
"Erkennbares" handelt. Auf diese Weise
entstehen Sprache und Denken. So entsteht
Schöpfung durch Schwingung, Schöpfung durch
Sprache. Will man die Welt
technologisieren, so braucht man Sprache und
Unterscheidungsmerkmale. Will man jedoch in der
Gegenwart leben, will man beispielsweise
"Baumheit" erfahren, muß man fähig
sein, Benennung und Sprache beiseite zu lassen.
Wenn wir einen Baum betrachten, sagen wir
normalerweise "Baum" zu uns selbst.
Sobald wir "Baum" sagen, erinnern wir
uns daran, daß wir gestern vergessen haben,
etwas Bestimmtes zu tun, sodaß wir es nun morgen
tun müssen und so weiter - und unser Verstand
beginnt, in seinen inneren Dialog abzudriften,in
Assoziationen mit Baum aus Vergangenheit und
Zukunft. In dem Augenblick, wo man etwas benennt,
wird man in die Zeit hineingestoßen - es ist
unmöglich, etwas zu benennen, ohne sich
gleichzeitig in Vergangenheit oder Zukunft zu
begeben. Möchte man sich nicht innerhalb der
Zeit bewegen, im Sinne von Vergangenheit und
Zukunft, sondern auf einer Wahrnehmungsebene mit
"Baumheit" bleiben, so ist das nur dann
möglich, wenn man den Baum nicht als solchen
benennt, denn damit wird er als Objekt von der
Person getrennt. Der Mensch kennt viele Methoden,
den Verstand hereinzulegen, um im
Wahrnehmungszustand "Baumheit" sein zu
können oder zu "Baum-en".Man muß sich
lösen von dieser Fertigkeit, die uns von Geburt
an beigebracht wurde und für die wir gute
Prüfungsnoten erhalten. Man muß fähig sein,
sie je nach Bedarf zu nutzen oder eben nicht.
Sonore Yoga-Arten sind auf genau diesen Zweck
zugeschnitten. Entweder "zersplittern"
sie die Aufmerksamkeit, indem diese so stark
beschäftigt wird, daß man das Denken vergißt,
oder sie erschaffen einen in sich geschlossenen
Kreislauf der Aufmerksamkeit. Indem man
gleichzeitig die Stimme einsetzt und dem selbst
erzeugten Klang zuhört, wird man fähig, über
den Dualismus der Sprache und das Getrenntsein
von der Welt hinauszugehen. Wenn wir sehen, daß
etwas anders ist als wir selbst und daß das, was
anders ist als wir sich wiederum von anderen
Dingen unterscheidet, so bringt diese
Unterscheidung Sprache hervor. Die Trennung
zwischen wir und nicht wir ist genau die
Trennung, die alle Traditionen zu überwinden
suchen, um einen Zustand der Einheit zu erlangen.
Klang ist eine der wirksamsten Arten, um den
Zustand der Trennung zu überwinden.
Die
Entdeckung einer lebenden Tradition
Die
magischen, heilenden Qualitäten von Klang waren
in der Antike wohl bekannt. Sowohl die Ägypter
als auch die Griechen und sicherlich die Inder
waren sich dessen bewußt. Meine Absicht war,
herauszufinden, in welchen Traditionen dieses
Wissen noch erhalten war. So kam es, daß ich
innerhalb der verschiedenen Traditionen Studien
betrieb. Die tibetische Tradition ist der Ort, an
dem ein genaueres Verständnis über den Gebrauch
von Klang und Stimme erhalten blieb. Grund dafür
war die eigentümliche Situation im Tibet, wo
eine mittelalterliche spirituelle Kultur
überlebt hatte. In unserer eigenen spirituellen
Kultur gab es in vergangenen Zeiten gewisse
Ähnlichkeiten, so wie Eremiten, die sich in
Höhlen aufhielten und erstaunliche Wunder
vollbrachten, aber dies ging im Zuge des
sogenannten Aufklärungszeitalters natürlich
gänzlich verloren. Im Tibet jedoch überlebte
diese Tradition, vielleicht geographisch bedingt,
vielleicht auch im Zusammenhang mit den seltenen
atmosphärischen Bedingungen in den Höhenlagen
des Himalaya. Im Tibet besteht seit vielen
hundert Jahren eine hoch entwickelte Wissenschaft
des Verstandes. In der Sprache der Tibeter findet
sich eine große Anzahl von Worten, die auf die
eine oder andere Art für "Verstand"
stehen. Die Tibeter studierten über viele
Generationen hinweg den Verstand.Über das
menschliche Wesen sprechen die Tibeter auf
dreifache Weise. Sie sprechen von Körper, Stimme
und Verstand. Diese Bereiche sind an drei Orten
angesiedelt. Die Lage des "Körpers"
ist im Kopf. Die "Stimme" liegt in der
Kehle und die Lage des "Verstandes" ist
im Herzen. Für die Tibeter sind Verstand und
Gehirn nicht identisch, wie dies in der
westlichen Welt der Fall ist. So agiert die
Stimme als Vermittler zwischen dem subtilen
Bereich des Verstandes und dem eher physischen
Bereich des Körpers. So wird sie als Brücke
zwischen der materiellen und der nicht
materiellen Welt angesehen.
Die
Welt an sich entstand und entsteht auch weiterhin
durch Klang
Wenn sich
die Stimme befreien läßt, läßt sich der
Mensch befreien, Sprache, Stimme, Klang und
subtiler Atem oder Prana sind miteinander
verbunden. Nicht nur die Tibeter betrachten Klang
als eine Brücke - dies ist eine weitverbreitete
Vorstellung. Zum Beispiel wird Klang oft als
Vermittler betrachtet, der Geist in Materie
überträgt und dann wiederum Materie in Geist,
und zwar mit Hilfe des Menschen. Wenn Geist sich
durch Klang in Materie verwandeln kann, dann kann
sich Materie in Geist verwandeln, wiederum durch
Klang. Fast überall und zu allen Zeiten wird
Klang als Mittel verwendet, um zu Transzendenz zu
gelangen - um die Materie in Geist
zurückzuverwandeln. Dies läßt sich recht
buchstäblich an der Tatsache beobachten, daß
sich der Klang eines Objektes dafür nutzen
läßt, dieses zu zerbrechen. Hört man
beispielsweise dem Klang eines Weinglases zu und
gibt den Klang an das Glas zurück, so läßt es
sich mit der Stimme zerbrechen.Dies zeigt,daß
sich Form durch Klang zersetzten läßt. Dies
läßt sich auf physischer Ebene erreichen, aber
Transformation läßt sich auch durch Klang, also
auf spriritueller Ebene, hervorbringen.Die
tibetische Tradition des Dzogchen zielt darauf
ab, sich einem Zustand der Versenkung hinzugeben
und aus innerer Integrität heraus zu leben, so
daß die Auswirkungen jeder Handlung in der
Klarheit des Augenblicks vergegenwärtigt werden.
So daß wir leben, ganz so wie ein Fisch im
Wasser. Wie auch beim Reiten auf der Welle des
Tao hinterlassen wir keine Spuren und leben auf
untadelige Weise, ohne Störungen zu verursachen.
Ist man dazu aus irgendwelchen Gründen nicht
fähig, so besteht eventuell eine Blockade oder
Störung im Energiefluß oder irgendein mentales
Problem, das davon abhält, dies zu tun. In dem
Fall gibt es gewisse Dinge,die man tun kann,um
sich dies zu erleichtern. Es gibt vielfältige
Übungen dazu und Klang wird oft dafür
eingesetzt, eine Zustand der Klarheit und
Versenkung zu erlangen.
Mantra
Auch in
Indien ist die Stimme ein wichtiges Werkzeug zur
Transformation. Die vielleicht häufigste Form in
Indien, die natürlich auch in Tibet üblich ist,
ist der Gebrauch der Stimme bei Mantras. Mantras
sind heilige Klänge, die in den uralten Sprachen
bewahrt wurden, sogar in den Sprachen, die heute
nicht mehr verstanden werden. Es gibt bestimmte
Klänge für spezifische Krankheiten oder
Probleme, die durch besondere Wesen verursacht
werden, oder Mantras, die einen Zustand der
Klarheit oder Leere herbeiführen. Durch andere
Mantras bringt man sich in Einklang mit der
Abstammung und Gesinnung von Lehrern, der man
angehört. Nutzt man gewisse Klänge, die von den
Meistern dieser Gesinnung gebraucht werden, so
bringt man sich in Einklang mit dem von ihnen
Erreichten und kann daran teilhaben. Man bringt
sich in Einklang mit all den Menschen, die jemals
dieses Mantra genutzt haben. Von Mantras wird in
der ganzen Welt Gebrauch gemacht, so zum Beispiel
beiden Sufis, den Mystikern des Islams. Sie
verbinden verschiedene Artenmantrischer
Sprechgesänge mit rhythmischen Körperbewegungen
sowie mit rhythmischem Atmen, um einen Zustand
transzendentaler Ekstase oder spiritueller
Glückseligkeit zu erreichen. Die meisten
Liturgien werden als Sprech-oder andere Gesänge
abgehalten und dies trifft auch auf die Liturgien
der christlichen Kirche zu. Die
Sonntagsgottesdienste wie Kommunion sowie Morgen-
und Abendandacht sind eine Art mitreißende
spirituelle Bewegung, bei der gemeinsam Psalmen,
Kirchenlieder, Anrufungen und Gebete gesungen und
gesprochen werden. Auf diese Weise kommen alle
Anwesenden in Einklang miteinander. Wechselt man
vom Sprechen zum Singen, so geschieht etwas
Interessantes. Durch das Singen kann man sich mit
jedem verbinden. Daher besitzt jedes Land eine
Nationalhymne.
Der
Bereich des Schamanismus
Die großen
Weltreligionen haben die indigenen
schamanistischen Traditionen überlagert, die
bereits viele hunderttausend Jahre zuvor
existierten. Viele der sonoren Yoga-Arten aus
Tibet und Indien gab es bereits lange vor dem
Buddhismus. Sie waren von uralter Abstammung. Die
genannten Übungen wie Sprechgesänge,
rhythmische Körperbewegungen, rhythmisches Atmen
und andere sind uralte Bräuche, die in die
Weltreligionen aufgenommen wurden. Man findet
hier Bräuche wie die Wirbelnden Derwische. Sie
drehen sich in spiralförmigen Bewegungen,
während sie dabei atmen und beten, in Verbindung
mit der Stimme der Flöte, die der der
menschlichen Stimme sehr ähnelt. Man sagt, daß
der Körper eines Derwisch dem Körper einer
Flöte gleicht, durch die Gott bläst.
Was
ich unterrichte
Nachdem ich
bei einer Reihe von verschiedenen Traditionen
Studien betrieben hatte, entschloß ich mich
irgendwann, selbst zu unterrichten. Es war mir
nach und nach aufgefallen, daß bestimmte
Ähnlichkeiten bestanden innerhalb der
Prinzipien, die der Art zugrunde lagen, wie Klang
benutzt wurde. Gewisse Dinge schienen weit
verbreitet zu sein und es schien mir wichtig,
diese gemeinsamen Prinzipien verstehen zu lernen,
und sie auf eine Art und Weise zu unterrichten,
die hilfreich sein könnte für Menschen, die
sich von ihrer eigenen spirituellen Tradition
entfremdet fühlten. Könnten wir verstehen, auf
welche Weise sich unsere Stimme benutzen läßt,
so würden wir profitieren von dem Wissen all
jener, die dies vor uns bereits verstanden hatten
und somit dieses wundervolle Werkzeug neu
entdecken, das wir ständig mit uns führen.
Meistens benutzten wir unsere Stimme vollkommen
unbewußt, aber wir könnten sie auf eine Weise
nutzen, die allen Traditionen bekannt ist - für
unsere eigene Transformation.Wenn sich die Stimme
befreienläßt, läßt sich der Mensch befreien.
Die Stimme ist unsere Art des Ausdrucks. Auf
diese Weise rückt unser Atem ins Bewußtsein,
und der Atem ist unsere Möglichkeit, mit der
Welt in Austausch zu treten. Wir atmen die Welt
in uns ein und wir atmen uns in die Welt hinaus,
und dies ist eine dauerhafte Beziehung, die sich
in erster Linie unbewußt abspielt. Die Benutzung
der Stimme ist eine Art, sich dies bewußt zu
machen. Wenn man weiß, was man tut, so kann man
diese Beziehung vollkommen ändern. Ich
unterrichte verschiedene Atemtechniken, denn
atmen an und für sich ist eine von Präzision
geprägte Kunstform. Je nachdem, in welchen
Zustand man sich begeben möchte, welche
Erfahrungen man machen möchte oder mit welchem
Teil des Selbst man in Berührung kommen möchte,
nutzt man unterschiedliche Atemtechniken. Das ist
eine präzise Angelegenheit. Daher wird als
erstes unterrichtet, wie man atmen soll.
Zusätzlich versucht man, den Atem für
Sprechgesänge zu verändern, und man nutzt
Sprechgesänge, um den Atem zu verändern.
Daraufhin versucht man dann, beides zu tun, um
seine Wesensart dahingehend zu verändern,
daß man über den inneren Dialog hinaus- und in
die eigentliche Natur des Verstandes eintreten
kann. Wenn man anstrebt, über das Denken
hinauszugehen, muß man tiefer atmen.
Normalerweise ist die Atmung schnell und flach,
mit einer Tendenz zur Betonung des Einatmens. Nun
ist schnelles, flaches, konzentriertes Einatmen
gut geeignet für Rebirthing oder Arbeit mit
Hyperventilation, oder wenn man Emotionen
aufdecken möchte. Um über die Emotionen und den
aktiv denkenden Verstand hinauszugehen, atmet man
tiefer und arbeitet mit dem Ausatmen. Es gibt
viele verschiedene Arten, den Atem zu
verlangsamen und das gesamte Atmungsmuster zu
verändern. Nach den Atemtechniken rege ich die
Teilnehmer zum Zuhören an. Nicht nur die
Klangerzeugung ist wichtig, sondern die
Fähigkeit, darauf zu hören ist ganz wesentlich.
Man vollendet einen Kreislauf der Aufmerksamkeit
und es ist genau dieser Kreislauf der
Aufmerksamkeit, der es ermöglicht, über den
denkenden Verstand hinauszugehen. Zweitens
unterrichte ich die Teilnehmer darin, zuzuhören
und gleichzeitig Klänge zu erzeugen.
Anschließend unterrichte ich sie darin, wie man
Klang nutzt, um sich von den Angstmustern zu
befreien, die von jeder über die Wahrnehmung
laufende Erfahrung ausgelöst und genährt wird.
Jede Wahrnehmung regt eine Benennung an (Sprache
und Denken) und damit zeitgebundene Vergleiche
mit Vergangenheit und Zukunft. Unser Bedauern und
unsere Befürchtungen schneiden uns
augenblicklich von der Gegenwart ab. Die
Beharrlichkeit dieser negativen Denkmuster
beeinflußt zuerst unsere Emotionen und unsere
Energie und bewirkt dann stoffliche
Veränderungen an den Schwachpunkten des
Körpers, die letztendlich pathologisch werden.
Wenn man Klang nutzten kann, um mit dem
morphogenetischen Feld einer Person zu arbeiten,
anders gesagt mit dem Schwingungspotential deren
eigener Gesundheit, dann ist es möglich, diese
Person gesundzuerhalten. * Auf dieser Ebene
arbeite ich, um das Instrument, das der Mensch im
Grunde ist, zu stimmen. Eine Person gestimmt zu
halten bedeutet, sie gesundzuerhalten. Es ist
möglich, den eigenen Klang zu entdecken. Jede
Person besitzt ihren eigenen Klang, der sich
deutlich von dem anderer abhebt und ich führe
Wege vor, die dies entwickeln und das Wesen als
Ganzes in Resonanz versetzen. Dabei sollte die
Stimme tiefer werden, vollkommen resonant und
wesentlich volltönender, so daß der ganze
Mensch bei Einsatz seiner Stimme zum
Resonanzkörper wird. Dann unterrichte ich, wie
man sich in den eigenen Klange hineinbegibt, um
durch harmonisches- und Obertonsingen das Innere
des Klanges zum Vorschein zu bringen. Diese Art
von Klangarbeit ist uralten schamanischen
Ursprungs. Sie bringt den inneren Kern des
Klanges in Form separater Noten hervor, die über
und oberhalb der gesungenen Note liegen. Dies ist
eine magische Erfahrung, sowohl allein als auch
in der Gruppe.Man erhält den Eindruck,
engelhafte Wesen heraufzubeschwören - die
natürlich in der Antike und sogar im Mittelalter
für sonor gehalten wurden. Da Zungenbewegungen
direkt mit dem Denken verbunden sind, stimuliert
man dabei gleichzeitig wenig genutzte
Nervenbahnen, indem man die Zunge nutzt, um
diejenigen Teile der eigenen Stimme zu
differenzieren und hörbar zu machen, die zuvor
indifferenziert und unbewußt waren.
Mein
generelles Ziel
Mein Ziel
ist kein bescheidenes. Ich sehe, daß zum
jetzigen Zeitpunkt nichts Geringeres nötig ist
als die Transformation der Menschheit, und ich
werde alles in meiner Macht liegende tun, um
diese Möglichkeit zur Wirklichkeit werden zu
lassen. Da die Stimme ein Mittel zur
Transformation ist , das wir ständig bei uns
haben, ist sie eines der kraftvollsten und am
ehesten verfügbaren für diesen Zweck. Meine
Methode besteht darin, die Ohren der Menschen so
zu öffnen, daß sie ihre eigene Stimme hören
können. Dann kann die eigene Stimme zu einem
Werkzeug der Transformation werden. Wenn ich von
Transformation spreche, meine ich damit, daß wir
unser Leben in Harmonie mit unserer Umgebung und
mit anderen Menschen leben können und dabei dir
Erhellung anderer erleichtern, die Erhellung des
Lebens auf Erden.
Ein
Experiment mit Kindern
Kürzlich
unterrichtete ich an einer Sommerschule für
Kunstlehrer. Wir sprachen darüber, daß sich die
Zeit der Morgenandacht in Schulen für die Lehrer
zu einer peinlichen Angelegenheit entwickelt hat.
In den Schulen gibt es noch immer Morgenandachten
und es bestehen recht strenge Anweisungen, daß
sie die eine oder andere Art von christlichen
Gebeten enthalten sollten. Den meisten Lehrern
ist das peinlich, vorallem weil sie ihre
Ausbildung in der humanistischen Periode des
Modernismus durchlaufen haben. Sie wissen nicht,
was sie mit diesem Zeitraum anfangen sollen, aber
sie dürfen ihn auch nicht abschaffen. Das
eigentliche Ziel der Andacht liegt darin, die
Schüler
und Lehrer der Schule auf etwas einzustimmen,
daß höher ist als sie selbst, so daß die
schulischen Aktivitäten harmonisch ablaufen und
die Entwicklung der Kinder ungestört vor sich
gehen kann. Daher ist dieser Zeitraum sehr
wichtig und seine Bedeutung wurde im Grunde in
einem Meer von Peinlichkeit ertränkt.
Peinlichkeit teilweise wegen der
überwältigenden Welle des Humanismus, die als
interessanter Trend innerhalb intellektueller
Kreise begann, der jetzt allgegenwärtig ist, und
auch wegen der Vermischung der Konfessionen und
Kulturen, die heute an Schulen an der
Tagesordnung ist.Wenn christliche Gebete
gesprochen werden, sind diese unpassend für
Hindus, Juden oder Moslems und als Resultat
dieser Verwirrung ging die ursprüngliche Absicht
verloren. Ich hatte die Idee, daß es möglich
sein könnte, Schulen dazu zu ermutigen, die
Andacht erneut als einen Zeitraum des aufeinander
Einstimmens zu nutzen, indem Klang auf eine schon
seit jeher bestehende Art genutzt wird, und
dennoch in nicht konfessionsgebundener Form. Ich
erwähnte dies dort verschiedenen Leuten
gegenüber, und sie hielten es für machbar,
zumindest innerhalb bestimmter Altersgruppen.
Dann legte ich diese Idee beiseite. Ich kam nach
London zurück und in meinem nächsten Workshop
fanden sich fünf Lehrer. Es schien, als ob ich
in einem Moment die Absicht gehabt hatte, und
diese sich gleich darauf verwirklichte. Es gab
zwei Personen, die an Schulen im Norden Londons
Musik unterrichteten, es gab eine Person, die im
Stadtzentrum von London als Musikleiter tätig
war, es gab eine Lehrkraft für geistig
behinderte Kinder und einen Montessori-Lehrer,
und all das in einem einzigen Workshop. Das
überraschte mich dermaßen, daß wir begannen,
diverse Möglichkeiten zu erörtern und ich
sprach über meine Idee.Eine Woche später wurde
ich eingeladen, an einer Grundschule im Norden
Londons zu unterrichten. Man hatte der Rektorin
davon erzählt und sie war sehr interessiert. Die
zwei Lehrkräfte der Klassen, die ich
unterrichten sollte, Siebenjährige morgens und
Zehnjährige nachmittags, sowie die Leitung der
Musikabteilung, eine Aushilfskraft zur
Unterstützung des Musikunterrichts an
verschiedenen Schulen und diverse Interessenten
nahmen an dem Experiment teil. Da dies meine
erste Erfahrung im Unterrichten von Kindern war,
fand ich die Anwesenheit so vieler Zuschauer
recht beunruhigend. Und ich muß sagen, das Ganze
war äußerst spannend. Die Kinder waren von
Anfang an hoch konzentriert. Sie stellten ganz
genaue, geniale Fragen. Sie stießen sofort auf
den Kern der Sache. Sie wußten genau, worum es
ging. Sie reagierten völlig spontan. Ich bat
sie, ihre Erfahrungen zu beschreiben beim Hören
verschiedener Arten von Klängen,
Obertongesängen u.s.w., und was sie uns
berichteten waren meiner Meinung nach eher
Visionen als reine Beschreibungen. Ich hatte
erwartet, daß sie einander imitieren würden,
mit Bemerkungen wie, na ja, so ging es mir auch
und ähnliches. Nicht die Spur davon. Jeder
unterschied sich vom anderen und war dennoch in
einer gemeinsamen Erfahrungsquelle verwurzelt.
Die Visionen der Kinder waren wahrhaft kosmisch
und die Kinder selbst waren begeistert. Im
zweiten Teil gab es eine Mal-Phase, in der sie
das Erlebte malten. Die anwesenden Lehrer waren
erstaunt über das, was vor sich ging. Sie
sagten, sie hätten die Kinder noch nie so
spontan erlebt. Kinder, die sonst selten etwas
äußerten, sprachen nun über ihre Erfahrungen.
Und das Unglaubliche geschah beim Malen. Auch ich
hatte mit Malen begonnen, und es war sehr
bewegend, die Bilder dieser Kinder zu betrachten.
Aus der Dunkelheit heraus sprangen glänzende
Regenbogenfarben, erschienen leuchtende Wellen
und Strahlen mit Lichtkugeln, die im Raum
schwebten. Ganz und gar außergewöhnliche Bilder
- und selbst danach wollten die Kinder vor lauter
Aufregung noch nicht aufhören, also fingen sie
an, auch noch Gedichte darüber zu schreiben, die
sie mir dann zeigten. Eines der Gedichte rührte
mich zu Tränen. Auch die späteren Berichte der
Eltern waren überraschend - sie erzählten, daß
die Kinder voller Überschwang nach Hause kamen -
schier berstend vor lauter Erlebnissen. Wenn es
also möglich ist, dies schon im frühen
Kindesalter zu Vorschein zu bringen, dann könnte
es tatsächlich möglich sein, die Gesellschaft
zu transformieren.
* ("In language to be healthy is to be
sound - we talk about being sound in body and
mind, to be of sound mind and to have ideas which
ring true." Hier wird mit Worten gespielt,
die sich so nicht ins Deutsche übertragen
lassen: "sound" bedeutet soviel wie
"Klang" aber auch "gesund",
"solide". A.d.Ü.)
- Copyright
Jill Purce 1985
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