- In allen
traditionellen Gesellschaften ist der Gesang der
wichtigste Weg, mit uns selber in Harmonie zu
bleiben und mit dem Göttlichen in Verbindung zu
treten. In der christlichen Welt ging bis vor
fünfzig, sechzig Jahren jedermann zur Kirche.
Dort sangen die Leute nicht in erster Linie, weil
sie es so gut konnten, sondern um in Harmonie zu
treten. Durch gemeinsames Singen und Intonieren
stimmten sich die Leute aufeinander ein. Unser
Körper ist ein Vibrationssystem mit
verschiedenen Arten von Resonanz. Wenn wir nicht
mehr singen, wenn wir unsere Stimme nicht mehr
gebrauchen, hören wir auf, richtig gestimmt zu
sein.
-
- In der Kirche sind
die Leute von ihren Familien umgeben. Damit
würden also nicht nur Körper und Geist
eingestimmt, sondern auch die einzelnen Menschen
mit ihren Familien. Und die Familie wäre mit
sich selber eingestimmt. Und weil die Familie von
den Dorfbewohnern umgeben ist, würde sich das
ganze Dorf aufeinander einstimmen. Die ganze
Christenheit, so weit sie reicht, käme in
Resonanz mit sich selber, in dem sie sich auf
ähnliche Art und zu ähnlichen Zeiten
"stimmt". Und dieses grosse
resonierende Netz würde sich einstimmen auf das
Übergeordnete, Göttliche.
-
- Dadurch, dass alle
grossen Kirchen und Kathedralen an heiligen Orten
gebaut wurden, stimmt sich eine Gemeinde nicht
nur auf sich selber, sondern auch auf den Ort
ein. Wenn Menschen zusammen sangen, dann taten
sie das nicht irgendwo, sondern an einem heiligen
Ort, wo das Einstimmen leichter ging. Ähnlich
sang man die geistlichen Lieder nicht irgendwann,
sondern zu heiligen Zeiten, den kurzen Momenten,
wo alles erreichbar ist, wo sich die ganze Zeit
in der Gegenwart zusammenfindet. Das waren die
alten Feste, die später in den kirchlichen
Kalender übernommen wurden. Das individuelle
Leben stand damit nicht nur in Verbindung mit den
persönlichen Bedürfnissen und Anliegen, sondern
auch mit denen der Familie, der Dorfgemeinschaft,
mit Raum und Zeit und damit einem viel grösseren
Ganzen. Mit stimmlichen Mitteln wird jedes Ding
und jedes Wesen in ein grösseres Verstehen
eingebettet.
-
- Diese Art heiligen
Singens ist heute die Domäne von ein paar
Profis, einem vernachlässigbar kleinen Teil
unserer Gesellschaft. Die Gesellschaft als Ganzes
ist verstummt. Traditionelle Gesellschaften haben
immer ein wechselseitiges Verhältnis mit den
Kräften unterstützt, die grösser sind als wir
und die unser Schicksal zu bestimmen scheinen.
Vom 16. Jahrhundert an verbreitete sich dann die
Ansicht, dass Maschinen einen höheren Grad an
Voraussagbarkeit ermöglichten und wir damit
unsere Lebensumstände besser kontrollieren
konnten als mit dem Anrufen von Gott. Mit
wachsendem Gefühl für Kontrolle wurden wir
zunehmend selbstsicher - unser spirituelles Leben
wurde an den Rand gedrängt.
-
- Die mechanisierte
Welt ist eine sehr laute Welt. Wir haben den
Schwerpunkt verschoben von der natürlichen Welt
voller Klänge zu einer lärmigen Welt, in der
wir selbst stumm sind. Weil es aber immer noch
richtig erscheint, dass die Menschen ihre Stimme
gebrauchen sollen, haben wir ein paar Profis
damit beauftragt, die Klänge für uns zu
erzeugen. Sie produzieren die Töne, während wir
bezahlen, uns zurücklehnen und zuhören. Noch
immer haben wir aber das unbewusste Bedürfnis,
die Klänge in uns zu haben. Also stecken wir die
Töne der Profis in eine Maschine und die
stülpen wir uns unter Ausschluss von Geräuschen
von Menschen und Umwelt über den Kopf, so nah
ans Gehirn wie nur möglich. Damit aber - denn
Kopfhörer schädigen das Gehör - werden wir
stumm und
taub in einer lärmigen Welt.
-
- Im Mittelalter
sprach man von der stimmlichen Natur der Seele.
Wenn wir unsere Stimme verlieren, verlieren wir
unsere Seele. Wenn wir nicht singen, sind wir
körperlich, gefühlsmässig, geistig und sozial
nicht in Stimmung, in Schwingung.
-
- Ich sehe die
Zukunft als eine Zeit, wo wir einander wieder in
Schwingung bringen. Anstatt wie gewohnt mit
geschlossenen Mündern umherzugehen, werden wir
sie wieder öffnen und miteinander singen. Das
Gleichgewicht der Töne wird sich ändern. Die
mechanisierte Welt wird ihren Lärmpegel
heruntersetzen und unser Lied wird wieder in der
Atmosphäre schweben und unser Leben emotional
und spirituell wieder aufrichten.
-
- Diese
"Wieder-Einstimmung", die, so denke
ich, durch uns alle kommen kann, die wir unsere
Stimme wieder entdecken und sie gegenseitig
ausdrücken, sollte einhergehen mit einer
Sakralisierung der Kunst im allgemeinen. Nicht
nur die Musik muss wieder belebt, alle unsere
Künste sollten wieder heilend, heilig werden.
Jedes Gebäude hat eine solche Funktion, indem
seine Proportionen auf uns wirken und unserem
Wesen einen Ort zur Entfaltung und unseren
Stimmen Raum zur Resonanz geben. Die Kunst sollte
sich so entwickeln, dass die einzelnen Werke
nicht mehr bloss Ausdruck der Individualiät und
der Verfassung des Künstlers oder der
Künstlerin sind, sondern eine Form göttlicher
Teilnahme. Besonders beispielhaft hat sich der
Tanz im Laufe der Zeit verändert: Ursprünglich
tanzten wir als ganze Gemeinschaft im Kreis, dann
tanzten wir in kleineren Gruppen zu dritt oder zu
viert, dann walzerten wir paarweise und jetzt
tanzen wir allein.
-
- Die ganze Idee der
Resonanz reicht übrigens über die Musik, die
Kunst und die Mythologie hinaus ins Herz der
Wissenschaft. In jedem Fachgebiet, sei es nun
Physik, Chemie, Mathematik, Biologie, oder
Gehirnphysiologie, bieten Resonanzfelder einen
Weg zu echtem Verständnis der Welt.
- Wir erfahren heute,
dass die Art von Kontrolle, die wir in einem
verzweifelten Versuch, uns sicher zu fühlen,
durch Mechanisierung und Technisierung unserer
Welt erlangen wollten, in Tat und Wahrheit das
Gegenteil bewirkt. Je mehr wir versuchten, die
Welt zu kontrollieren, desto gefährlicher wurde
das Leben auf ihr. Wir haben das Gleichgewicht
vollständig zerstört. Die Kräfte, die wir zu
kontrollieren versuchten, bedrohen jetzt unser
nacktes Überleben. Wir können die Welt nicht
durch Kontrolle kontrollieren. Der einzige Weg,
sicher und nachhaltig auf dieser Welt zu leben,
ist in Gegenseitigkeit und Gleichgewicht.
-
- Wie aber schaffen
wir ein Gefühl für das Universum, in dem
Resonanz ein so wichtiger Faktor ist?
- Einer der besten
Wege ist, mit ihm in Resonanz zu treten, indem
wir unser Leben wieder "ein-stimmen".
Denn unser Herz und unsere Stimme sind eins. Wenn
wir unsere Stimme wieder öffnen, öffnet sich
auch unser Herz.
-
- Unter Resonanz
(lat. Widerhall) versteht man das starke
Mitschwingen von Systemen, erregt durch relativ
schwache äussere Kräfte. Voraussetzung für die
Resonanz, die Übertragung und Verstärkung von
Energie zwischen zwei Systemen ist eine gleiche
oder nahezu gleiche Eigenfrequenz. Resonanz
lässt sich nicht nur in der Musik, sondern
allgemein inder Physik bis auf die Ebene der
Elementarteilchen beobachten.
-
- Das Phänomen der
Resonanz beschränkt sich freilich nicht nur auf
das Gebiet der Physik. Auch im
zwischenmenschlichen Bereich und auf spiritueller
Ebene spricht man von Resonanz, allerdings mit
anderen Worten. "Man hat die gleiche
Wellenlänge", "die Schwingung ist
gut", jemand ist "beschwingt", hat
"gutes Echo", erhalten oder
"stinmmt mit anderen überein" sind
einige unter vielen Beispielen dafür. In anderen
Sprachen zeigen sich weitere Funktionen der
Resonanz: chanter (franz. Singen) und enchanter
(entzücken). Das englische "sound"
beispielsweise bedeutet als Substantiv Klang und
als Adjektiv gesund.
-
- Copyright Jill
Purce
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